17.01.2018

Deutschland: Ein Pfarrer klagt an

Christen werden eher abgeschoben als Salafisten

(idea) Afghanistan (Platz 2) und der Iran (10) gehören laut dem neuesten Weltverfolgungsindex des christlichen Hilfwerks Open Doors zu den Ländern, in denen Christen am stärksten verfolgt werden. Pfarrer Gottfried Martens hat in seiner Dreieinigkeits-Gemeinde (Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche) in Berlin-Steglitz über 1.000 Flüchtlinge getauft, vor allem Iraner und Afghanen. Für idea schildert er seine Erfahrungen mit den deutschen Behörden.

Eine Gemeinde mit über 1.600 Gemeindegliedern (davon gut 1.400 Iraner und Afghanen) zu versorgen, von denen so viele intensive Hilfe und Zuwendung benötigen – das geht nicht ohne spürbaren Verschleiß. Aber wünschen darf man sich ja doch etwas: Ich wünsche mir, einfach mal einen Abend ins Bett gehen zu können ohne die Sorge, dass mitten in der Nacht Glieder unserer Gemeinde von der Polizei abgeholt und deportiert werden.

Respekt statt Konfrontation

Ich wünsche mir, einfach mit den Gemeindegliedern und Taufbewerbern, die ich habe, ganz normale Gemeindearbeit machen zu können, statt die ganze Zeit nur darum zu kämpfen, dass der Staat sie einem nicht wegnimmt und sie in Lebensgefahr bringt. Ich wünsche mir, meine Zeit nicht zu einem Gutteil auf Fluren von Verwaltungsgerichten oder Verhandlungen mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zu verbringen. Ja, um einen noch utopischeren Wunsch zu äußern: Der Staat sollte anfangen, Respekt vor kirchlichen Entscheidungen und kirchlichen Bescheinigungen zu zeigen, statt immer aggressiver auf Konfrontationskurs mit den Kirchen zu gehen – was er nach außen hin natürlich leugnet.

Mühselige Kämpfe um jeden Einzelnen

Ja, es ist ein besonderes Geschenk, mit Menschen arbeiten zu dürfen, die mit solch einer Freude das Evangelium von Jesus Christus für sich entdeckt haben und die dazu bereit sind, für dieses Evangelium auf so viel zu verzichten. Vor kurzem sprach ich mit einem jungen Mann, der im Iran Kraftsportler war und schließlich sogar an Weltmeisterschaften teilnahm. Dann wurde er Christ, wurde ausgepeitscht, ins Gefängnis geworfen und gefoltert, wurde auch auf seiner Flucht wiederholt inhaftiert – und ist so froh, hier nun an unserem Taufunterricht teilnehmen zu können. Dennoch ist es sehr wahrscheinlich, dass das Bundesamt versuchen wird, auch diesen Menschen wieder abzuschieben. Es sind mühselige Kämpfe um jeden Einzelnen.

Viele Entscheidungen gleichen einem Glücksspiel

Natürlich versuche ich, in gutem Kontakt mit den Leitern der Außenstellen des BAMF in Berlin und Brandenburg zu bleiben und den Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen. Doch leider hat dies wenig an der aggressiven Haltung so mancher Anhörer und Entscheider des BAMF gegenüber konvertierten christlichen Flüchtlingen geändert. Wie willkürlich die Entscheidungen in den Außenstellen des BAMF sind, zeigen auch die Statistiken: Wer als afghanischer Christ in Brandenburg sein Asylverfahren betreibt, dessen Chance auf Anerkennung ist halb so hoch wie in manchen anderen Bundesländern. Seit Weihnachten hat schon wieder ein Dutzend treuer Glieder unserer Gemeinde einen Abschiebebescheid erhalten. So erhielt ein afghanischer Christ aus unserer Gemeinde, der vor zweieinhalb Jahren getauft wurde, nach jahrelangem Warten seinen ablehnenden Asylbescheid von der Brandenburger Außenstelle des Bundesamtes.

Wenn es ein Sachbearbeiter besser weiß als der Pastor

Das Bundesamt hatte mich vor zwei Wochen noch um eine weitere pfarramtliche Bescheinigung gebeten. Daraufhin hatte ich mitgeteilt, dass dieser Mann weiterhin treu und aktiv in unserer Gemeinde dabei ist und ich von der Ernsthaftigkeit seiner Konversion ohne Einschränkung überzeugt bin. Doch das Bundesamt hat auch hier, wie so oft, meiner Einschätzung widersprochen. So geht es immer wieder: In all den Gesprächen, die ich im Bundesamt im letzten Jahr geführt habe, stieß ich an einem Punkt auf Beton: Niemals würde man davon abgehen, dass ein Anhörer, der selber oft keine Ahnung vom christlichen Glauben hat, in einer Anhörung von mitunter weniger als drei Stunden besser beurteilen kann, wer ein ernsthafter Christ ist, als ein Pastor, der dieselbe Person über Jahre hinweg seelsorgerlich betreut hat.

Viel hängt vom zuständigen Richter ab

Mittlerweile maßt man sich sogar an, dem Pastor bei der Beurteilung der Gültigkeit von Taufen widersprechen zu können. Und das Lottospiel geht dann anschließend vor Gericht weiter: Ob ein Gemeindeglied, das vom Bundesamt mit oftmals haarsträubenden Argumenten abgelehnt wurde, anschließend vor Gericht recht bekommt, hängt einzig vom zuständigen Richter ab.

Kürzlich musste ich schnell wieder ein Kirchenasyl für einen ganz engagierten Christen aus unserer Gemeinde organisieren, der nach einem mir völlig unverständlichen Urteil des Verwaltungsgerichts in den Iran abgeschoben werden sollte. Als Salafist hat man hier in Deutschland eben doch sehr viel bessere Chancen auf einen Aufenthalt denn als konvertierter Christ. Mir drängt sich immer mehr der Eindruck auf, dass dies politisch so gewollt ist.

Der Gegenwind wird rauer

In Skandinavien haben christliche Konvertiten kaum noch eine Chance, einer Abschiebung in ihr muslimisches Heimatland zu entkommen. Ein afghanischer Christ, der deswegen aus Norwegen nach Deutschland in eine unserer Nachbargemeinden geflohen war, wurde gerade kürzlich von Deutschland sofort nach Norwegen und von dort nach Kabul zurückgeschickt, wo er gleich nach seiner Ankunft verhaftet und gefoltert wurde. Wir versuchen, mit der Gewährung von Kirchenasylen engagierte Christen, die aus Skandinavien zu uns fliehen, vor solcher Beihilfe zur Christenverfolgung durch den deutschen Staat zu schützen. Doch wir merken, wie uns in dieser Arbeit der Wind zunehmend rauer ins Gesicht bläst. Wenn es politisch opportun erscheint und Wählerstimmen einbringen könnte, behauptet ja so mancher Politiker, ihm würden die verfolgten Christen am Herzen liegen. Aber selbstverständlich nur so lange, wie sie nicht hier in Deutschland sind. Da schiebt man sie lieber wieder ab, um dann anschließend medienwirksam Reden zu halten, dass man sich für ihre Freilassung aus dem Gefängnis in ihrer Heimat einsetzt.

Die Politik ist verlogen

So viel Verlogenheit ist wirklich schwer erträglich. Natürlich hatten wir auch im letzten Jahr wieder mit Gemeindegliedern zu tun, die in ihren Heimen, in ihrer Wohngemeinschaft oder auf der Straße von radikalen Muslimen bedroht und auch angegriffen und verletzt wurden. Immer wieder mussten wir erleben, dass dies den Behörden völlig egal ist und sie an einem Schutz von Konvertiten keinerlei Interesse haben. Im Gegenteil: Gerade diejenigen unter unseren Gemeindegliedern, die besonders brutal bedroht wurden, erhalten anschließend am ehesten ihre Abschiebebescheide. Da arbeiten dann der deutsche Staat und radikale Muslime immer wieder wunderbar Hand in Hand, wenn es darum geht, die konvertierten Christen hier in Deutschland loszuwerden. Manchmal komme ich mir in der Arbeit schon ein wenig vor wie Don Quichotte, der gegen Windmühlen kämpft. Doch um jedes einzelnen Menschen willen ist es dann doch wieder so wichtig, nicht aufzugeben, auch wenn einem oft genug danach zumute ist.