Wenn Muslime zu Allah beten...

Im Islam wird viel gebetet. Muslime kennen zwei Arten von Gebet. Das eine ist das täglich fünfmal zu übende Pflichtgebet, in welchem bestimmte Lobpreisungen Allahs und die Bitte um die rechte Leitung durch Allah gesagt werden müssen.
Daneben gibt es das freiwillige Bittgebet, das bei verschiedenen Anlässen im Ablauf des Tages gebetet werden kann. Es gibt dafür Textvorschläge, die sich in Gebetsbüchern finden. In diesen Gebeten wird Allah um Schutz, Segen, Hilfe und Leitung angerufen.
Beten Muslime zu dem einen Gott, den uns die Heilige Schrift
bezeugt und der sich abschließend in Jesus Christus bekannt gemacht hat?

Es wäre zu einfach, diese Frage mit Hilfe bestimmter Wörter zu beantworten. Muslime gebrauchen für „Gott“ meistens das arabische Wort „Allah“, können in Deutschland aber durchaus auch von „Gott“ reden. Umgekehrt benutzen alle arabischen Christen das Wort „Allah“, weil es im Arabischen kein anderes Wort für „Gott“ gibt. Wir müssen deshalb fragen, was sich Muslime unter „Allah“ bzw. „Gott“ vorstellen bzw. was ihre Vorstellung von „Gott“ bestimmt.Muslime sind sich allgemein darin einig, dass der Mensch Gottes tiefstes Wesen gar nicht kennen kann, höchstens seine Eigenschaften, z.B. Güte, Barmherzigkeit usw. Für Muslime ist es auch gar nicht so wichtig, Gott selbst zu kennen und zu verstehen; wichtig ist ihnen, den Willen Allahs, d.h. seine Gebote, zu kennen und zu befolgen.

Deshalb verstehen Muslime unter dem Beten vor allem eine Bekundung der Unterwerfung unter den Willen Allahs. Diese Unterwerfung bringen sie im Pflichtgebet auch durch ihre Körperhaltung zum Ausdruck. Muslime beten in dem Bewusstsein, dass „Allahs Wille geschehen“ soll. „So Allah will“, ist denn auch eine von Muslimen oft gebrauchte Redewendung.

Dabei spielt die Lehre von der „Vorherbestimmung“ aller Geschehnisse durch Allah im Islam eine große Rolle. Im Gebet ergeben sich Muslime gewissermaßen in ihr von Allah festgelegtes Schicksal. Sie bitten einerseits Allah in einer konkreten Notlage um Hilfe und schicken sich andererseits in das ihnen von Allah zugedachte „Los“.

Unter Muslimen gibt es unterschiedliche Antworten auf die Frage, wie Allah vorzustellen sei. Die Theologen neigen eher dazu, alle personhaften Züge Gottes abzulehnen. Sie möchten nicht, dass die Muslime sich Gott zu „menschlich“ vorstellen. In der mystischen Frömmigkeit des Islam redet man aber durchaus von der „Liebe zu Allah“ und dem „Einswerden“ mit ihm. Wir müssen wissen, dass es große Unterschiede zwischen der biblischen und der islamischen Vorstellung von Gott und dem Gebet zu ihm gibt. Die Bibel macht deutlich, dass Gott nicht nur „der größte“ ist – wie man im Islam viele Male am Tag sagt –, sondern dass sein tiefstes Wesen Liebe ist und er uns Menschen mit sich versöhnen will. Gott ist nicht nur der allgemein Barmherzige, sondern der rettende Gott, der sich seine Rettungstaten viel kosten lässt. Gott ist nicht nur der in seinem Willen völlig freie Gott, sondern vor allem der treue „Vater im Himmel“, auf den sich seine Kinder verlassen können.

Deshalb ist christliches Beten das vertrauensvolle Gespräch des Kindes mit seinem Vater. Christen wissen, dass Gott nicht ein unabänderliches Schicksal ist, sondern der Vater, der das Bitten seiner Kinder so erhört, dass es ihnen zum Besten dient. Dieses Wesen Gottes wird zutiefst an Jesus Christus sichtbar und erfahrbar. Er ist in Person Gottes Liebe, Treue und kostbare Barmherzigkeit.
An Jesus wird deshalb der tiefe Unterschied zwischen biblischer und islamischer Gottesvorstellung deutlich. Was für Christen zentral wichtig ist – der Erweis göttlicher Liebe in der Kreuzigung und Auferstehung von Jesus zu unserer Erlösung –, das lehnen Muslime vehement ab. An Jesus wird deutlich, dass die islamische Vorstellung von Gott zwar biblische Gedanken aufgenommen hat, andere aber verleugnet. Die islamische Gottesvorstellung ist – aus biblischer Sicht – eine „amputierte“ und damit verfälschte Vorstellung von dem einen Gott. Muslime beten also im Grunde ein menschliches „Zerrbild“ von Gott an. Ihr Beten geht an dem wirklichen, wahren Gott „vorbei“. Es erreicht ihn nicht. Diese Aussage ist eine notwendige lehrmäßige Feststellung. Wir können jedoch den lebendigen Gott nicht in dogmatische Sätze „einfangen“. Er bleibt auch als der treue himmlische Vater der freie, unverfügbare Gott. Deshalb können wir es ihm überlassen, wie er z.B. auf das flehentliche Gebet eines kranken Muslims reagiert, der Gott um Heilung bittet. Gott sieht die Herzen an, auch wenn der Muslim „falsch“ betet.

Bei manch einem Muslim können wir durchaus den Eindruck gewinnen, dass er „Gott“ von Herzen liebt und ihm vertraut. Er scheint nicht „fern vom Reich Gottes“ zu sein. Gott selbst hat als der Schöpfer alle Menschen im Blick und will ihnen sowohl irdisches Wohlergehen als auch das ewige Heil in Jesus Christus schenken. Gebetsbitten, die sich auf das irdische Leben beziehen, mag Gott in seiner Barmherzigkeit erhören, auch wenn der Beter vielleicht eine sehr verzerrte Vorstellung von Gott hat. Wenn es aber um das ewige Leben geht, führt kein Weg an dem gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus vorbei.

Muslime bitten Allah oft um Vergebung, aber sie wissen dabei weder um ihre abgrundtiefe Verlorenheit noch um das vollkommene Vergeben Gottes „in Jesus Christus“. Deshalb kann es für Christen nur die eine Konsequenz aus dieser Feststellung geben: Es Muslimen glaubhaft zu bezeugen, dass uns Menschen ewiges Leben allein in Jesus Christus verbürgt ist.

Literaturhinweise

  • Christine Schirrmacher, Islam und christlicher Glaube.
    Ein Vergleich, Holzgerlingen 2006

  • Eberhard Troeger, Der Islam bei uns. Ängste und Erwartungen
    zwischen Christen und Muslimen, Giessen/Basel 2007

Autor dieser Ausgabe: Eberhard Troeger