Können Christen und Muslime gemeinsam beten?

Über diese Frage hätte man vor einigen Jahren noch gelächelt. Ein gemeinsames Beten von Christen und Muslimen erschien unmöglich und ist es bis heute für die meisten Christen weltweit. Doch vorwiegend in der westlichen Welt gibt es einige liberal eingestellte Christen, die dieses Tabu endlich durchbrechen wollen. Sie möchten die Ökumene wenigstens um den Islam erweitern und greifen auf Abraham als angeblich gemeinsamen Stammvater der drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam zurück.

Bereits wird hier und da bei Friedensgebeten, in Schulgottesdiensten, bei Eheschließungen und anderen besonderen Anlässen ein gemeinsames Beten versucht. Dabei unterscheidet man theologisch etwas spitzfindig, ob man „gemeinsam zu“ oder „nebeneinander vor“ Gott betet, d. h. ob man das Gebet des Muslims bzw. Christen mit betet oder ihm nur andächtig zuhört. Für den normalen Zeitgenossen wird dieser Unterschied kaum verständlich sein.

Begründet wird solches Beten damit, dass es doch nur den einen Gott gebe und sich Menschen trotz unterschiedlicher Vorstellungen von Gott gemeinsam an ihn wenden könnten. Diese Begründung geht davon aus, dass Menschen unterschiedliche Vorstellungen von dem einen Gott haben können, die sie nebeneinander stehen lassen sollten. Ja, man geht davon aus, dass diese unterschiedlichen Vorstellungen von Gott bzw. die verschiedenen Religionen von Gott verursacht und deshalb gewollt seien. Folglich gilt es als falsch, die Ausschließlichkeit einer Glaubensweise zu postulieren. Weitgehend wird angenommen, dass alle Wahrheit relativ ist.

Der Zeitgeist der Postmoderne hat in der westlichen Gesellschaft ein übersteigertes Harmoniebedürfnis geschaffen. Mit dem gemeinsamen Beten wird offensichtlich die Hoffnung verbunden, dass dadurch Menschen verschiedener Glaubenstraditionen sich besser verstehen und friedlicher zusammenleben lernen.

Drei Gruppen von kritischen Rückfragen sind zu stellen:

  1. Ist nicht gerade das Gebet – wie immer ein Mensch es versteht – etwas so Zentrales im Glauben, dass es für die Demonstration von Einigkeit höchst ungeeignet ist? Anders gefragt: Darf das Gebet zur Demonstration einer bestimmten Lehre von den Religionen instrumentalisiert werden?
  2. Wird durch das gemeinsame Beten nicht etwas vorgetäuscht, das der Wirklichkeit nicht entspricht? Muss nicht solche Täuschung zu tiefen Enttäuschungen führen?
  3. Steht nicht ein ganz bestimmter philosophischer Wahrheitsbegriff hinter der Anschauung, die alle Religionen auf eine Stufe stellt? Lässt sich dieser Wahrheitsbegriff wirklich biblisch begründen?

Christen beten im Namen von Jesus Christus zu Gott, der sich als Vater, Sohn und Heiliger Geist offenbart hat. Solches Beten wird von Muslimen als Götzendienst und unvergebbare Sünde verstanden und verurteilt. Die Wahrheit gebietet, diesen tiefen Unterschied nicht zu verschleiern.

Christen sind in ihrem Bekenntnis und ihrem Handeln der Bibel verpflichtet. Der Bibel aber geht es nicht um die Frage, welche Vorstellungen Menschen von Gott haben, sondern um die Realität Gottes. Wer ist Gott wirklich ? – das ist die eigentliche Frage: Daraus folgt die weitere Frage, wie und wo der eine wahre Gott Menschen begegnet ist und sich in dieser Begegnung als wahr und wirklich zu erkennen gegeben hat. Die biblischen Zeugen sind übereinstimmend der Meinung, dass Gott sich wahrhaft und ausschließlich in der mit Israel verbundenen Offenbarungsgeschichte, d. h. abschließend und überbietend in Jesus Christus offenbart hat.

Es geht um die Wahrheitsfrage

Es geht nicht um den Absolutheitsanspruch einer Religion, sondern um die Ausschließlichkeit des einen, wahren Gottes. Im Licht des biblischen Zeugnisses ist der Islam deshalb einer der vielen und durchaus beeindruckenden menschlichen – und damit letztlich widergöttlichen – Versuche, menschliche Gedanken über Gott als Offenbarung Gottes auszugeben.

Aus diesem Grund ist das gemeinsame Beten mit Muslimen abzulehnen. Es ist eine falsche Demonstration an falscher Stelle und mit falscher Begründung. Das Verstehen aller Menschen und das friedliche Zusammenleben mit ihnen ist für Christen ein selbstverständliches biblisches Gebot (z. B. Römer 12,18 und Hebräer 12,14). Dazu muss und sollte man nicht auf ein scheinbar gemeinsames Beten zurückgreifen.

Das seelsorgerliche Gebet des Alltags

Von dem demonstrativen gemeinsamen Gebet ist das Gebet des Alltags zu unterscheiden. Wenn ein Christ ein muslimisches Haus besucht, wird er es respektieren, dass die Bewohner zur fest liegenden Gebetszeit beten. Ebenso sollten Christen sich nicht scheuen, vor muslimischen Gästen das übliche Tischgebet zu beten. Es kann auch sein, dass ein Christ von einem kranken, belasteten oder trauernden Muslim um Fürbitte oder ein Segensgebet gebeten wird. Selbstverständlich kann der Christ in einer solchen Situation in Gegenwart des Muslims für ihn und mit ihm zu Gott im Namen Jesu Christi beten. Hier handelt es sich um Situationen der Seelsorge, in denen das fürbittende Gebet behutsam und angemessen geübt werden kann und soll.

Autor dieser Ausgabe: Eberhard Troeger
2. Auflage 2015

Literaturhinweis:

 

  • Christine Schirrmacher, Islam und christlicher Glaube.
  • Ein Vergleich, Holzgerlingen 2006
  • Eberhard Troeger, Der Islam bei uns. Ängste und Erwartungen zwischen Christen und Muslimen, Giessen/Basel 2007