Die islamische Mission

Mission – Nur eine Sache der Kirche?

Muslimische Apologeten (Verteidiger ihres Glaubens) betonen häufig – nicht zuletzt in Dialogveranstaltungen – dass der Islam im Unterschied zu den christlichen Kirchen keine „Mission“ kenne. Teilweise wird sogar eine Absage an die christliche Mission gefordert, denn sie sei eines der größten Hindernisse für den Dialog. Geführt wird diese Diskussion über die Berechtigung der Mission überhaupt nur im Westen, denn in islamischen Ländern ist die christliche Mission überall verboten, da sie grundsätzlich als Gefährdung der staatlichen Ordnung und der politischen Stabilität eines Landes beurteilt wird. Sprechen Christen in islamischen Ländern mit Muslimen dennoch über ihren Glauben, werden Angehörige westlicher Staaten u. U. ausgewiesen, während einheimische Christen teilweise mit empfindlichen Strafen (Geldbußen, Gefängnisstrafen) zu rechnen haben. In einigen Ländern – wie z. B. in Saudi-Arabien – erhalten praktizierende Christen meist nur unter Schwierigkeiten oder überhaupt keine Arbeitsgenehmigungen. Fachkräfte aus dem westlichen Ausland verlieren ihre Aufenthaltsberechtigung, wenn sie dort einen der in Privathäusern in aller Stille abgehaltenen Gottesdienste besuchen. Asiaten werden meist inhaftiert, manchmal mißhandelt oder verlieren sogar ihr Leben.

Häufig wird die christliche Mission in der Presse arabischer Länder verurteilt, während umgekehrt von islamischer Mission kaum je die Rede ist. Auf den ersten Blick könnte es also so aussehen, als ob nur die christliche Kirche Werbung für ihren Glauben betreibe und dadurch für Unmut sorge, der Islam dagegen nicht.

Dies ist jedoch nicht der Fall. Auch wenn im Islam nicht derselbe Begriff der „Mission“ existiert, kennt der Islam dennoch sehr wohl die Werbung für den Glauben, die Propaganda oder den „Ruf“, die „Einladung“ (arab. Da’wa) zum Islam, denn es gilt prinzipiell allen Menschen die schon im Koran geäußerte Aufforderung, den Islam als den einzigen wahren, von Gott geoffenbarten Glauben anzuerkennen (Sure 21,25; 9,33) und sich Allah zu unterwerfen („Islam“ = „Unterwerfung“, „Hingabe“). Ja, selbst Muslime vertreten die Auffassung: „Der Islam ist von Anbeginn an eine missionarische Religion gewesen“ [1], denn „Wer hätte etwas besseres zu sagen als der, der die Menschen zu Gott ruft, der tut, was recht ist und spricht: ‚Ich gehöre zu denen, die sich Gott ergeben haben‘?“ (Sure 41,33).

Dieser Universalanspruch des Islam wird sowohl aus der Geschichte als auch aus der Endzeitsicht islamischer Texte deutlich: In den islamisch eroberten Gebieten waren Christen „Schutzbefohlene“ (arab. dhimmis), die als Bürger zweiter Klasse der islamischen Herrschaft unterworfen waren und Kopfsteuern – teilweise sogar Grundsteuern – entrichten mußten. Diese Steuern waren ebenso wie verschiedene Beschränkungen (z. B. das Verbot der Eheschließung zwischen einem nichtmuslimischen Mann und einer Muslimin) und Benachteiligungen (z. B. damals wie heute in Bezug auf Studium, Militär oder die Erlangung einflußreicher Positionen in der Gesellschaft) ein ständiger Anreiz, ja häufig Druck zur Konversion zum Islam. Zwar wird in diesem Zusammenhang immer wieder der Koranvers zitiert „In der Religion gibt es keinen Zwang“ (Sure 2,256).

Richtig ist, dass Juden und Christen im islamischen Gebiet als „Buchbesitzer“ einen Sonderstatus genossen und damit auch eine gewisse rechtliche Anerkennung. Da der Islam sich aber absolut setzt und sich dem – aus seiner Sicht verfälschten – Juden- und Christentum überordnet, ja die muslimische Gemeinschaft allen anderen Gemeinschaften für überlegen hält (Sure 3,110), bedeutet dies mehr eine Duldung als eine prinzipielle Anerkennung auf Augenhöhe. Daher müssen nach überwiegender Überzeugung auch Juden und Christen zum Islam gerufen werden: „Mit ein bißchen Wissen ... über die Bibel [können wir uns] besser für den Dialog mit Christen vorbereiten. Die meisten Christen kennen ihre Bibel gar nicht, nur das, was sie immer wieder in der Kirche zu hören bekommen“ [2].

In Ländern mit unterprivilegierten christlichen Minderheiten wie Pakistan oder auch Ägypten und Sudan berichten Menschenrechtsorganisationen immer wieder von Entführungen christlicher Kinder oder Frauen und deren Zwangsbekehrungen und/oder deren gewaltsamer Verheiratung an einen muslimischen Ehemann. Wird auch ein solches Vorgehen von vielen Muslimen als im Islam verboten verurteilt werden, ist es doch eine Tatsache, dass die betroffenen Angehörigen in solchen Fällen nur sehr selten von der islamischen Regierung ihres Landes wirksame Unterstützung erhalten, die in vielen Fällen nicht willens oder in der Lage ist, solches Unrecht gegen die christliche Minderheit wirksam zu unterbinden.

Die „Einladung“ bzw. Aufforderung, den Islam anzunehmen, soll nach muslimischer Auffassung an alle Nichtmuslime ergehen, aber auch an alle Muslime, die den Islam nicht vollständig befolgen. Nichtmuslime und „inkonsequente“ Muslime zum Islam zu rufen, wird von muslimischen Theologen als unbedingte, dem Islam inhärente Pflicht betrachtet, die die muslimische Gemeinschaft als ganze erfüllen muss, auch wenn nicht jeder einzelne ein „Da’iya“, ein „Propangandist“ für den Islam sein kann: „Jeder Muslim ist aufgrund seines Glaubens ein Missionar für den Islam“ [3], und jedem, der seiner Da’wa-Verpflichtung nicht nachkommt, wird am Tag des Gerichts dieses Versäumnis angelastet werden. Zudem macht er sich zum Außenseiter der weltweiten „umma“ (Gemeinschaft der Muslime) [4].

Muslimische Theologen vertreten die Auffassung, dass die Da’wa „eine bedeutende Form des dschihad“ [5] sei, also des sich „Bemühens auf dem Weg Gottes“, manchmal auch, dass der Jihad eine Form der Da’wa sei: „Da’wa“-Arbeit ist also keine Aufgabe, die der Vergangenheit angehört, sondern dort, wo Muslime als Minderheit unter einer nichtmuslimischen Mehrheit leben, ein dringenderes Anliegen denn je, „eine unschätzbare Gelegenheit“ [6], denn: „Gelegenheiten zur Da’wa bieten sich überall“ [7].

Das Ziel der Verbreitung des Islam ist letztlich die Schaffung einer einheitlichen Gesellschaft, in der zunächst das islamische Gesetz (die Scharia) über allen Menschen aufgerichtet ist. Eine solche homogene Gemeinschaft, in der später alle Menschen Muslime sind, wird dann aus dieser Sicht eine Gesellschaft sein, in der Frieden und Gerechtigkeit herrschen. Die muslimische Gemeinschaft soll heute schon auf die Umgestaltung der Gesellschaft hinwirken; in jedem Fall wird jedoch am Ende der Zeiten, nach dem Auftreten des Antichristen, nachdem alle Nichtmuslime noch einmal die Gelegenheit hatten, sich dem Islam zuzuwenden, diese Gesellschaft der Gerechtigkeit aufgerichtet werden.

Wie geschieht islamische Mission?

Insbesondere Saudi-Arabien hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verstärkt der Ausbreitung des Islam verschrieben und betreibt vor allem in Schwarzafrika eine mit konversionsabhängigen Hilfeleistungen gekoppelte „Missionsarbeit“. Teilweise sind die Initiatoren islamische Propagandaorganisationen, teilweise wohlhabende Einzelpersonen – z. B. aus den Golfstaaten – die manchmal erhebliche Spendengelder in die Verbreitung des Islam fließen lassen. Wo die einzige erreichbare Schule des Dorfes alle Kinder im Islam unterrichtet oder nur in diesem Fall das Schulgeld erlässt, wo der Zugang zu Wasser und medizinischer Hilfeleistung nur „Neubekehrten“ offensteht, treten nicht selten Großfamilien oder sogar ganze Dörfer vom Animismus oder Christentum zum Islam über. Eine Anweisung für den muslimischen „Missionar“ lautet daher: „Besuche die Kranken ... helfe den Bedürftigen ... tausche Geschenke aus“ [8], denn „es sind gerade auch andere Taten [Gutes Tun], die besonders die Herzen der Armen und der Unfreien für den Islam gewinnen“ [9].

Die Ausbreitung des Islam geschieht auch durch Einflussnahme auf das öffentliche Leben (z. B. die Medien, Kirchen und die Politik), durch die Durchsetzung von Sonderrechten für die muslimische Gemeinschaft vor Gericht, durch die Entsendung von Koranlehrern, die Ausbildung von afrikanischen oder asiatischen Imamen und Rechtsgelehrten in Arabien, durch den Druck und die Verbreitung von Koranexemplaren und islamischer Literatur, durch Gefängnisbesuche, Korrespondenzkurse, Vorträge, Moscheetage, Radio- und Fernsehsendungen, durch CDs und Videos, die in vielen Sprachen der Welt produziert und subventioniert über Moscheen und Buchläden abgegeben werden. Insbesondere in Saudi-Arabien wurden verschiedene Organisation gegründet, die, unterstützt von der saudischen Regierung, auf hohem organisatorischen und finanziellen Niveau „Da’wa“ im In- und Ausland betreiben: So hat die 1972 gegründete „World Assembly of Muslim Youth“ (WAMY) das Ziel, „Nichtmuslimen den Islam in reinster Form in einem umfassenden System und als Lebensweise vorzustellen, und um muslimische Organisationen auf der ganzen Welt durch Schulung, Austausch und Zusammenarbeit zu unterstützen“ [10]. Auch der Moscheebau insbesondere in ärmeren islamischen Ländern sowie die darauffolgende Entsendung von Vorbetern (Imamen), die dann die rigide Islam-Interpretation Saudi-Arabiens exportieren, dient der Durchdringung eines erst teilweise oder noch gar nicht islamisierten Landstriches mit dem Islam. Im Zuge eines Moscheebaus wird meist auch eine Koranschule eingerichtet, in der die Kinder früh mit den Grundlagen der Religion vertraut gemacht werden. Mit der Koranschule wird häufig auf eine islamische Kleiderordnung besonders für Frauen gedrängt, so dass sich in dieser Gesellschaft langsam das Bewusstsein für „angemessene“ Kleidung und Verhalten an islamischen Normen ausrichtet. Nichtmuslimische Frauen, die diese Kleiderordnung nicht beachten, werden teilweise belästigt, sie werden im öffentlichen Leben schikaniert oder ihnen wird der Schulbesuch verwehrt. Solche und ähnliche Fälle werden z. B. aus einigen nördlichen Bundesstaaten Nigerias berichtet, die seit dem Jahr 2000 die völlige Einführung der Scharia proklamiert haben. Hier wird deutlich, dass bei der Islamisierung einer Gesellschaft muslimische Aktivisten zunächst betonen, dass sich die geforderten Gesetzesänderungen nur auf Muslime bezögen, dass aber in einem zweiten Schritt auch Nichtmuslime unter die Scharia – das göttliche Gesetz von ewiger, universaler Gültigkeit – gezwungen werden sollen.

Praktische Tips für die „Da’wa“-Arbeit

In islamischen Zeitschriften und insbesondere im Internet finden sich zahlreiche praktische Tips für die „Da’wa“-Arbeit; einige erinnern an Prinzipien für die Öffentlichkeitsarbeit christlicher Kirchen [11]. Insbesondere wird das persönliche Gespräch zur Werbung für den Islam favorisiert: „Das persönliche Gespräch unter vier Augen ist die Methode der Wahl“ [12].

Um bei der „Da’wa“-Arbeit erfolgreich zu sein, gilt es zunächst, selbst Wissen über den Islam zu erwerben und den Koran, die Überlieferung und die Berichte über das Leben Muhammads zu kennen. Nur dann wird es möglich sein, im Gespräch mit Andersgläubigen Antworten zu geben. Auf der anderen Seite sind Worte nicht alles: „Da'wah-Arbeit kann durch Schreiben, Reden, durch richtiges Benehmen, die eigene Haltung, durch Verhaltensweisen, durch Anteilnahme und Hilfe geschehen“ [13]. Es geht auch darum, selbst ein positives Beispiel zu sein: „Die beste Art der Da’wa ist es, ein gutes Vorbild zu sein” [14]. Höflichkeit und Respekt werden als Voraussetzung zur „Da’wa“-Arbeit betrachtet: „Jemand einzuladen, heißt auch, höflich, freundlich und einladend zu sein, sich um jemand zu kümmern und ihm Verständnis entgegenzubringen” [15], oder: „Sei freundlich und versuche, humorvoll zu sein“ [16]. Ein angenehmes Äußeres gehört dazu („sei sauber und gepflegt“), „iß nie rohe Zwiebeln oder Knoblauch, wenn Du in die Moschee gehst oder Dich mit Leuten triffst“ [17] und „kaue Kaugummi oder etwas anderes, um einen guten Atem zu haben“ [18].

Es wird dem Verkünder des Islam davon abgeraten, negativ über andere Religionen zu urteilen oder Streitgespräche zu führen, denn: „Streitgespräche mögen für Muslime ein Vergnügen sein, für andere können sie jedoch eine Qual sein, und wenn man jemand quält, wird man ihn nicht für seine Sache gewinnen“ [19]. Auch zur Bescheidenheit und zum angemessenen Auftreten wird aufgerufen: „Niemand sollte mit dem, was er tut, prahlen, auch nicht mit seiner Wirkung oder mit dem, was er erreicht hat. Niemand sollte annehmen, dass er durch sein eigenes Nachdenken auf die ultimative Wahrheit kommt. Niemand sollte behaupten, dass er die beste aller Methoden anwendet“ [20]. Oder: „Die Aufgabe, jemand Allah näher zu bringen … sollte nichts mit Arroganz zu tun zu haben oder damit, dass Du Dich für den Lehrer hältst und jedermann sich glücklich schätzen sollte, dass Du zu einem Kreuzzug aufgebrochen bist, um ihn zu erretten“ [21]. Einige Anleitungen zur „Da’wa“ untersagen dem Propagandisten, über Kritik des Gesprächspartner zornig zu werden: „Sei nicht sauer oder schwöre Rache, wenn man Dich angegriffen hat“ [22].


Gegen eine respektvolle, friedliche Werbung für den Islam, die keinen Andersgläubigen bedrängt oder verachtet und keinen Druck durch die Vergabe von Vergünstigungen ausübt, ist in einem Land mit Religionsfreiheit nichts einzuwenden. Es könnte allerdings mehr Klarheit geschaffen werden, wenn sich Vertreter des Islam auch gegenüber der deutschen Gesellschaft offen zu diesem Ziel bekennen würden. Christen sollten sich ihrerseits nicht davon abhalten lassen, auch Muslimen von ihrem Glauben zu erzählen, aber auch nicht müde werden, weiter auf das Ungleichgewicht hinzuweisen, das daraus entsteht, dass Muslime im Westen große Religionsfreiheit genießen, während Christen dieses Menschenrecht in der islamischen Welt überall verwehrt wird.

Autorin dieser Ausgabe: Prof. Dr. Christine Schirrmacher
Stand: Oktober 2007

Anmerkungen

[1] Meaning and Significance of Dawah ila-Allah. A Guide to the Propagation of Islam. Markazi Maktaba Islami: Delhi, 1983, S. 43

[2] Sadiya Plath. „Sie entstellen die Schrift an ihren richtigen Stellen ... “ (Sure 5:13). Bibeltextstellen für Muslime im Dialog mit Christen. In: al-Islam. 4/2000, S. 11-14, hier S. 11

[3] Ebd. 12

[4] Dr. Ahmad H. Sakr. Dialogue with Non-Muslims. In: The Muslim World League Journal, Vol. 25/11, March 1998, S. 18-20, hier S. 18

[5] Ahmad al-Khalifa. Da'wa in Deutschland Probleme und Perspektiven. In: al-Islam. Zeitschrift von Muslimen in Deutschland 3/2001, S. 11-13, hier S. 11

[6] Sakr. Dialogue. a. a. O., S. 18

[7] www.netmuslims.com/resources/dawah-intro.html (5.8.2003)

[8] www.muslima-aktiv.de/5dawah.htm (5.8.2003)

[9] Ahmad von Denffer. Da'wa in der Zeit des Propheten. Schriftenreihe des Islamischen Zentrums München 12: München, 2001, S. 12

[10] www.wamy.co.uk/bd_about.htm

[11] So wird z. B. berichtet, Christen hätten eine Methode entwickelt, von Haus zu Haus gehen und den Menschen Gespräche über Gott anzubieten: Islamic Dawah: Presenting Islam. a. a. O., S. 18

[12] Ebd.

[13] Dr. Ahmad H. Sakr. The Islamic Concept of Dawah. In: The Muslim World League Journal Vol. 25/8, Dec 1997, S. 12-16, hier S. 15

[14] www.netmuslims.com/resources/dawah-intro.html (5.8.2003)

[15] Islamic Dawah: Presenting Islam. a. a. O., S. 17

[16] Sakr. Dialogue. a. a. O., S. 20

[17] www.muslima-aktiv.de/5dawah.htm (5.8.2003)

[18] www.netmuslims.com/resources/dawah-intro.html (5.8.2003)

[19] Islamic Dawah: Presenting Islam. a. a. O., S. 19

[20] Sakr. Concept. a. a. O., S. 15

[21] www.themodernreligion.com/dawah/dawah-12tips.html (5.8.2003)

[22] www.muslima-aktiv.de/5dawah.htm (5.8.2003)