Braucht der Mensch Erlösung?

Warum Muslime den Opfertod Jesu so schwer verstehen

Wer mit Muslimen im Gespräch ist, merkt schnell, dass die Kreuzigung Jesu und die biblische Auffassung von der Erlösung der Menschen durch Jesu Tod im Islam keinen Raum haben. Zwar greift der Koran viele Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament auf – allerdings in abgewandelter Form – und berichtet von Abraham, Mose, David und sogar ausführlich von Jesus Christus. Dennoch können Muslime mit Kreuzigung und Erlösung, den Eckpfeilern des christlichen Glaubens, wenig anfangen.

Das biblische Verständnis von „Erlösung“ begegnet uns im umfassenden Sinne weder im Koran noch in der islamischen Theologie. „Erlösung wovon?“ müsste ein Muslim erst einmal fragen, denn im Koran findet sich zwar ein Bericht darüber, wie Adam Gottes Gebot im Paradies übertritt und die verbotene Frucht isst (2,30ff.), aber Adam bereut seinen „Fehltritt“ vor Gott. Obwohl Gott Adam aus dem Paradies vertreibt (2,36), berichtet der Koran nicht wie die Bibel, dass durch Adams Fehltritt die Sünde, der Tod und die Trennung von Gott über alle Menschen in die Welt gekommen sind.

Die Kreuzigung – „Torheit“ oder „Gotteskraft“?

Nach der Bibel war der Sündenfall das negativste Ereignis der Weltgeschichte überhaupt. Weil der Sündenfall stattgefunden hat und die Beziehung aller Menschen zu Gott zerstört wurde, braucht jeder Mensch Erlösung durch Jesus Christus (Römer 5,8–10+12–18), die ihm durch die Kreuzigung Jesu angeboten wird. So ist die Kreuzigung in ihrer Auswirkung für die Menschen das positivste Ereignis der Weltgeschichte, denn sie eröffnet erneut den Zugang zu Gott. Wer sich auf Jesu Tod am Kreuz beruft, erhält Vergebung, neues Leben, Hoffnung und Erlösung.

Der Koran berichtet von der Kreuzigung Jesu nur an einer einzigen Stelle, die zudem inhaltlich äußerst dunkel bleibt (4,157-158): „Aber sie haben ihn [Jesus] nicht getötet und nicht gekreuzigt. Vielmehr erschien er ihnen ähnlich ... Und sie haben ihn nicht mit Gewissheit getötet ... Nein, Gott hat ihn zu sich erhoben.“ Zwar vertreten muslimische Korankommentatoren viele unterschiedliche Auffassungen zu dieser Stelle, die sich zum Teil stark widersprechen. Manche sind der Ansicht, Jesus wurde mit einer anderen Person verwechselt und diese gekreuzigt (z.B. Judas), andere glauben, dass gar keine Kreuzigung stattgefunden habe. Einig sind sich jedoch alle Kommentatoren darüber, dass Jesus nicht gekreuzigt wurde und starb. Und auf die Bedeutung der Kreuzigung als Erlösungs- und Versöhnungstat Jesu geht der Koran an keiner einzigen Stelle ein.

Erlösung – durch wen?

„Erlösung – durch wen?“ könnten Muslime weiterfragen, denn Jesus begegnet uns im Koran nur als Mensch und Prophet, nicht aber als Gottessohn und Retter. Zwar gesteht der Koran auf der einen Seite Jesus eine Art Sonderrolle zu, wenn er ihm außergewöhnliche Titel und Fähigkeiten zuschreibt: Er tut Wunder, heilt Kranke, erweckt Tote zum Leben, er ist „Wort Gottes“, „Geist Gottes“, der „Messias“, der „Diener“, „Prophet“ und „Gesandte Gottes“. Auf der anderen Seite betont der Koran immer wieder, dass er nur ein Mensch sei (4,171). Er wendet sich strikt gegen die Auffassung, dass Jesus der Gottessohn sein könne: „Sie sprechen: ‚Der Barmherzige hat sich ein Kind zugelegt.‘ Da habt ihr etwas Ungeheuerliches begangen. Schier brechen die Himmel darüber auseinander, die Erde spaltet sich und die Berge stürzen in sich zusammen, dass sie dem Barmherzigen ein Kind zuschreiben. Es ziemt sich für den Barmherzigen nicht, sich ein Kind zuzulegen“ (19,88-92).

Die Gottessohnschaft Jesu

Die Gottessohnschaft Jesu wird im Islam aus mehreren Gründen so entschieden geleugnet:

  1. Sie widerspreche der islamischen Ethik (die Gottessohnschaft wird so aufgefasst, als ob Jesus das Kind aus der Verbindung Gottes mit Maria gewesen sei).
  2. Die Vaterschaft Gottes sei nicht mit dem Gottesbild des Korans vereinbar, denn Gott sei transzendent und verbinde sich nicht mit seinen Geschöpfen. Gott ist im Islam nur Schöpfer und Herr, niemals aber Vater. Er hat keine Kinder, weder leibliche, noch Kinder im Glauben.
  3. Die Vaterschaft Gottes widerspreche der Auffassung des Korans, dass Gott nur einer sei, dem wohl grundlegendsten Dogma des Islam überhaupt. Gott einen Sohn an die Seite zu stellen, wäre „Vielgötterei“, die schlimmste, unvergebbare Sünde im Islam.
  4. Gott offenbare sich nicht als Mensch, sondern nur durch eine Offenbarungsschrift, die er herab sendet.
  5. Gott sei Geheimnis und vom Geschöpf getrennt. Er sei unsichtbar, verborgen, unbegreiflich, unerforschlich und in seinem Handeln unberechenbar.

Wenn Jesus nach dem Zeugnis des Korans nur ein Mensch ist, kann er für andere Menschen keine Erlösung bewirken. Insofern besteht sogar eine gewisse Übereinstimmung mit der Bibel: Nur weil Jesus der sündlose Gottessohn war, konnte er Sünder erlösen: „Niemals kann ein Mann seinen Bruder loskaufen, er kann Gott sein Lösegeld nicht geben – denn es kostet zu viel, ihr Leben auszulösen“ (Psalm 49,8-9; s. auch Hebräer 9,11-14).

Zusammenfassung:

Da es also nach islamischer Auffassung keinen Sündenfall im eigentlichen Sinne gegeben hat, besteht gewissermaßen keine ‚Notwendigkeit‘ zur Erlösung. Wenn der Mensch aber nicht von seiner Bosheit und Gottesferne erlöst werden muss, ergibt sich daraus:

  1. Der Mensch kann allein durch seinen Willen das Gute tun und das Böse lassen, denn er ist selbst ganz und gar verantwortlich dafür. Er kann Gottes Gebote – wie die fünf Säulen des Islam (Bekenntnis zu Gott, täglich fünf Gebete auf arabisch, Fasten im Ramadan, Almosen, Wallfahrt nach Mekka) – jeden Tag neu sein Leben lang halten, wenn er sich nur richtig bemüht.
  2. Es gibt keine ausreichende Erklärung, wenn er versagt. Gott kann dann auch nicht wirklich Erbarmen haben mit der Schwachheit des Menschen, denn er hätte sie ja aus eigener Anstrengung überwinden und das Gute tun können, wenn er sich seinerseits nur Gott zugewandt hätte. – Ist die Bibel dagegen nicht viel realistischer, aber auch ermutigender: „Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht Mitleid haben könnte mit unseren Schwachheiten, sondern der in allem in gleicher Weise versucht worden ist, doch ohne Sünde“ (Hebräer 4,15)?
  3. Wenn es keinen „Grund“ für das Versagen des Menschen gibt, wird das Halten der Gebote – insbesondere der fünf Säulen des Islam – heilsmitentscheidend. Gute Werke machen angenehm vor Gott. Gott rechnet im Gericht gute und schlechte Werke gegeneinander auf. Nur wenn die guten Werke überwiegen, hat der Mensch Hoffnung auf Eingang ins Paradies. Nach Auffassung der Bibel kann ein Mensch dagegen nur aus Gnade gerettet werden, niemals aufgrund seiner guten Taten: „Denn alle haben gesündigt und erlangen nicht die Herrlichkeit Gottes und werden umsonst gerechtfertigt durch seine Gnade, durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist“ (Römer 3,23+24).
  4. Kann ein Mensch Gottes Barmherzigkeit im Gericht erwarten, wenn er schwer gesündigt oder vielleicht ein Leben lang die fünf Säulen nicht eingehalten hat? Kein Muslim kann darauf mit Bestimmtheit eine Antwort geben, und auch die Korankommentatoren und Theologen sind unterschiedlicher Auffassung. Gott ist so allmächtig, dass sein Handeln nicht vorherzusagen ist, denn das hieße, ihm etwas vorzuschreiben. Deshalb haben viele Muslime Angst vor dem Tod. – In der Bibel lesen wir dagegen: „Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von jeder Ungerechtigkeit“ (1. Johannes 1,9).

Auch die Muslime hierzulande brauchen Erlösung, ja manche suchen regelrecht danach. Nur Gott, wie er uns in der Bibel begegnet, gibt Antworten auf die drängendsten Fragen des Lebens: Wird Gott mir Sünder gnädig sein? Warum kann ich das Gute nicht tun, auch wenn ich mich anstrenge? Wie kann meine Schuld vor Gott gesühnt werden? Wenn diese Fragen aus der Bibel beantwortet werden, erfahren Menschen Trost, Hoffnung und neues Leben – auch Muslime!

Autorin dieser Ausgabe: Prof. Dr. Christine Schirrmacher
Stand: Oktober 2007